Termin - 23. Januar 2026 - UPDATE: 23. Februar 2026
4 Jahre Ukraine-Krieg: Online-Veranstaltung mit Stimmen aus der Ukraine und Russland
Am 22. Februar 2026 lud das Bündnis "Stoppt das Töten in der Ukraine" zu einer Online-Veranstaltung mit über 200 Teilnehmenden ein. Menschen aus der Ukraine, Russland und Deutschland sprachen über die Situation von Kriegsdienstverweigernden, die Folgen des Krieges und Perspektiven für ein Ende der Gewalt.
Eindringlich schilderte Dr. Angelika Claußen, Vorsitzende der IPPNW, die gesundheitlichen und psychosozialen Folgen des Krieges. Sie machte deutlich, dass bewaffnete Konflikte langfristige Traumatisierungen hinterlassen und zivile Infrastrukturen massiv zerstören:
"Wenn wir den Blick auf das Leid zulassen, wird eines deutlich: Dieser Krieg muss beendet werden. Als Friedensbewegung fordern wir politische Konsequenzen und das bedeutet einen Strategiewechsel der deutschen und der europäischen Politik. Der Krieg zwischen Russland und der Ukraine muss angesichts der katastrophalen humanitären Folgen für die Soldaten, die Zivilbevölkerung und die Umwelt schnellstmöglich beendet werden."
Aus der Ukraine berichtete Andrii Konovalov über die Lage von Kriegsdienstverweigernden in seinem Land. Er beschrieb die rechtlichen Einschränkungen und den gesellschaftlichen Druck auf Menschen, die sich dem Militärdienst entziehen wollen. Trotz aller Hindernisse gebe es weiterhin Stimmen, die auf zivile Konfliktlösungen und internationale Solidarität setzen:
"Das ukrainische Recht beschränkt das verfassungsmäßige Recht auf Verweigerung unzulässig auf bestimmte religiöse Überzeugungen und schließt andere aus, was den Verpflichtungen zu Gleichheit vor dem Gesetz und Nichtdiskriminierung gemäß dem UN-Zivilpakt widerspricht. Zwischen Januar und Juni 2025 registrierte die Generalstaatsanwaltschaft der Ukraine mehr als 125.000 Fälle von Männern, die wegen Desertion oder unerlaubten Verlassens einer Militäreinheit angeklagt wurden."
Einen Einblick in die Situation in Russland gab Artem Klyga von Connection e.V. Er schilderte die zunehmende Repression sowie die Risiken, denen sich Menschen aussetzen, die öffentlich gegen den Krieg auftreten. Gleichzeitig verwies er auf Unterstützungsstrukturen, die Betroffenen helfen, das Land zu verlassen oder sich rechtlich zu verteidigen:
"Wer in Russland eine Staatsbürgerschaft oder Aufenthaltsgenehmigung will, muss unterschreiben, dass er Militärdienst leistet. Die Mobilisierung war 2022 nicht vorbei, sondern die Regierung sucht immer neue Wege, Menschen zu rekrutieren. Viele Russen werden mit falschen Versprechungen an die Front geschickt, z.B. angeblich um bestimmte Anlagen (z.B. Kraftwerke) zu schützen. In Russland gab es 2025 11.500 Strafverfolgungsfälle wegen Desertion oder Verlassen des Militärs."
Dr. Anke Giesen von Memorial Deutschland hob hervor, wie stark die unabhängige zivilgesellschaftliche Arbeit in Russland unter Druck steht. Dennoch gebe es weiterhin Engagement gegen Krieg und Militarisierung, das internationale Aufmerksamkeit und Unterstützung benötige:
"Die russische Gesellschaft ist in gewisser Weise resilient gegen Repressionen. Über verschlüsselte Messenger werden Informationen weitergegeben. Es gibt immer noch mutige Menschen, die sich auf Kanälen gegen den Krieg aussprechen. Es werden Briefaktionen für Gefangene initiiert, es gibt noch Einzelmahnwachen. Und es gibt ein Netzwerk zur Unterstützung politischer Verfolgter in Russland, z.B. für Kriegsdienstverweigerer oder verschleppte Menschen aus der Ukraine."
Eine analytische Einordnung lieferte der Soziologe Dr. Volodymyr Ishchenko von der Freien Universität Berlin. Er sprach über die Rolle sozialer Bewegungen in der Ukraine und die Spannungen zwischen Sicherheitslogik und zivilgesellschaftlichem Engagement:
"Eine Gruppe von Ukrainerinnen und Ukrainern, die Einfluss haben, sind laut und bestimmen die Debatte. Sie vertreten ihre Interessen, aber sie stellen nicht die Mehrheit der Bevölkerung. Selbst im engen Zirkel um Präsident Selensky gibt es die Meinung, dass die Ukraine nicht so weitermachen kann: weder politisch, ökonomisch noch gesellschaftlich. Es gibt Widerstand in der Ukraine, aber dieser ist nicht organisiert, eher spontan und wird nicht repräsentiert."
Lesen Sie auch das Interview zum Thema mit Dr. Ishchenko in der Frankfurter Rundschau
In der Diskussion wurde deutlich: Wer sich dem Töten verweigert, braucht Schutz - unabhängig von der Staatsangehörigkeit. Das Aktionsbündnis "Stoppt das Töten in der Ukraine" fordert daher neben der Unterstützung demokratischer Strukturen in Russland und der Ukraine auch sichere Aufnahmeprogramme für Deserteure und Kriegsdienstverweigernde sowie verstärkte diplomatische Bemühungen für einen Waffenstillstand.
Zu den Video-Aufzeichnungen der Veranstaltung
Moderation: Christine Schweitzer (Autorin und Friedensforscherin) und Yannick Kiesel (NaturFreunde Deutschlands, DFG-VK)
Veranstaltet von: Aktionsgemeinschaft Dienst für den Frieden (AGDF), attac Deutschland, Bund für Soziale Verteidigung e.V., Church and Peace - Europäisches Friedenskirchliches Netzwerk, Deutsche Friedensgesellschaft - Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen (DFG-VK), Internationale Ärzt*innen für die Verhütung des Atomkrieges (IPPNW), Netzwerk Friedenskooperative, NaturFreunde Deutschlands und Ohne Rüstung Leben.
Der Angriffskrieg des russischen Präsidenten Putin gegen die Ukraine ist ein brutaler, nicht zu rechtfertigender Bruch des Völkerrechts. Wir fordern von Russland: Stoppt das Töten in der Ukraine!
Als Reaktion bricht die Bundesregierung mit Grundwerten der deutschen Außenpolitik und startet eine beispiellose Aufrüstung. Doch mehr Militarisierung kann nicht die Lösung sein.
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